Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Moderator: Sheitana

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Romy
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Re: Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Beitrag von Romy »

Schön, dass sich jetzt auch nochmal zwei Leute gemeldet haben, die das beruflich machen - danke für eure Perspektiven! Ich finde diese Methodenoffenheit und das Interesse am Lernen von anderen sehr erfrischend. In meiner eigenen Arbeit (Forschung) ist mir das auch sehr wichtig. Generell denke ich, dass verschiedene Methoden gut funktionieren können, denn wenn alle anderen als die eigene Methode nur Probleme bereiten würden, dann hätten sie sich vermutlich nicht am Leben gehalten. Ich glaube da irgendwie an eine Art natürliche Selektion. Und aus anderen Bereichen habe ich es so gelernt, dass gerade eine solche Vielfalt ausschlaggebend ist für den Erfolg einer Sache (Spezies, Fachrichtung, etc.). Ich werde auf jeden Fall viele Fragen dazu stellen, wenn ich dann demnächst intensiver mit Huforthopäden arbeite.

Was mich überrascht hat ist, dass jetzt öfter mal kam, man könne das Pferd ja abgeben, wenn die eigene Methode nicht funktioniert. Überraschend fand ich das, weil es ja auch möglich wäre, an der eigenen Bearbeitung etwas zu ändern. Frank zum Beispiel erzählt mir, wie er Dinge probiert, über den Verlauf der Termine beobachtet wie es sich auswirkt und dann sein Vorgehen anpasst. Ist das aus eurer Erfahrung nicht so verbreitet, dass die Bearbeiter da flexibel sind? Mir fällt gerade kein Grund ein, warum ich ein Pferd lieber abgeben sollte als an meiner eigenen Arbeit etwas zu ändern. Außer natürlich, wenn das Pferd etwas braucht, was ich grundsätzlich nicht kann, zum Beispiel einen Beschlag. Aber im Rahmen der Barhufbearbeitung stehen dem Bearbeiter doch eigentlich alle Möglichkeiten offen, oder?
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Veilchen
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Re: Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Beitrag von Veilchen »

Ich habe immer nur abgegeben, wenn ich mit meinem Latein nicht weiter gekommen bin.
Ich hatte damals niemanden, den ich hätte fragen können und die selbsternannten Profis im Netz und das an einem Kundenpferd ausprobieren? Nein, lieber nicht.

Und jetzt, nachdem ich so viel beim Chef gelernt habe, geb ich noch weniger drauf, was in den diversen Hufgruppen gepostet wird. In den allermeisten Fällen ist das einfach nur Quatsch.

Ich gebe immer noch ab, wenn ich nicht helfen kann. Das letzte Pferd war ein schwerer Warmblüter mit unglaublich schiefen Hufen. Da hab ich tatsächlich empfohlen zu einem richtigen Schmied zu wechseln, weil wegen dem Gangverhalten kein Kunstoff und wegen dem Gewicht des Pferdes kein Alu in Frage kam. :nix:
Das Pferd steht jetzt glücklich auf 4 Eisen.

Gerade das Wissen wann abgeben besser ist, ist einfach unglaublich wichtig.

Natürlich stehen dem Bearbeiter alle Möglichkeiten offen. Nur wenn man nicht an einer guten methodenoffenen Schule gelernt hat, ist das nicht so einfach. Zumindest ich probiere nicht einfach am fremden Pferd aus, was ich gelesen hab. Und ob man genau den speziellen Fall zu Hause als eigenes Pferd hat, ist ja auch meistens nicht so.
Liebe Grüße vom Veilchen

Es ist, wie es ist. :giraffe:
crinblanc
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Re: Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Beitrag von crinblanc »

Das ging mir auch durch den Kopf. wenn ich schon einen Bearbeiter für problematische Hufe herhole, möcht ich eigentlich von Anfang an wissen und erklärt bekommen, was er wieso tut. Und gerade bei einem hufmäßig vorbelasteten Pferd hätte ich wenig Lust auf "probieren und beobachten".... :-u

und- was mir immens wichtig ist- ich möchte gezeigt bekommen, was ich zwischen den Bearbeitungen tun sollte/kann.

Das ist für mich immer total unverständlich- wenn ein (vorbelasteter) Huf nun mal Mikrokorrekturen zwischen den Terminen braucht, kann man dem Besitzer doch mal zeigen, wie man ne Feile führt und wo ein paar Hiebe wann Sinn machen?

Alternativ natürlich engmaschigere Termine, was aber die Besitzer oft auch finanziell ziemlich belasten würde- und oft gar nicht möglich ist, weil die Tour eben nur alle X Wochen gefahren wird.

Ich hatte auch schon Kontakt mit Bearbeitern -nicht als Kunde, ich hab die "so" kennengelernt und mal unverbindlich gefragt, und dabei erwähnt, daß ich durchaus, wenn sich keine brauchbaren Abstände ergeben, auch mal selber..... war für die fast ein rotes Tuch. Und für mich war die Entscheidung, zu verzichten, damit ganz leicht.
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Romy
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Re: Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Beitrag von Romy »

Falls das missverständlich ausgedrückt war: Ich meinte kein planloses Rumprobieren, sondern ein hypothesengeleitetes Testen begründeter Möglichkeiten, deren Effekte man aber vorher nie exakt abschätzen kann, weil sie von verborgenen Faktoren abhängen. So eine Rest-Unsicherheit bleibt in jedem komplexen System und ich schätze Hufe nicht als so trivial ein, dass man immer alles genau vorhersagen kann. Meiner Erfahrung nach zeichnet eine solche Bescheidenheit in Bezug auf die eigenen Vorhersagefähigkeiten auch einen Experten aus, in verschiedensten Bereichen. Oder ist eure Erfahrung da anders?

Was ich aber nicht auf dem Schirm hatte war das, was du sagtest, Veilchen, dass das Wissen auch einfach nicht vorhanden oder nicht zugänglich sein kann. Ich bin ja in einem Bereich unterwegs, in dem Wissen ganz stark geteilt wird, so dass man bei Fragen recherchieren oder Experten fragen kann. Bei dem bisschen theoretischer Beschäftigung mit Hufen ist mir aber auch schon aufgefallen, dass das eine ganz andere Situation ist. Teilweise hab ich sogar das Gefühl, dass Wissen bewusst nicht geteilt wird (oder nur als Halbinformation à la "wenn ihr es richtig wissen wollt, kommt zu uns"), vielleicht weil man sonst eine Besonderheit der eigenen Schule preisgeben könnte. Damit tue ich mich tatsächlich noch ziemlich schwer.
crinblanc
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Re: Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Beitrag von crinblanc »

Dieses "jeder kocht sei eigenes Süppchen" und "nur wir haben den Durchblick, alle anderen machen ihre Pferde nur kaputt" ist doch leider rund ums Pferd (egal ob Hufe, Fütterung, (Alternativ-) Medizin, Ausbildungsmethoden oder Reitweisen) extrem verbreitet und wird teils regelrecht zelebriert... :seufz: ärgert mich auch immer wieder.
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Veilchen
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Re: Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Beitrag von Veilchen »

Hier ist es schwer, wirklich einen Experten zu fragen. Wer ist denn schon ein Experte? Jemand, der wie ich, an einer dogmatischen Schule (ganz egal ob nun NHC, Huforthopäde oder Huf Heilpraktiker) nur den Einen selig machenden Weg gelernt hat und das auf 3 Monate verteilt auf 1 Jahr vielleicht? Oder jemand, der an einer methodenoffenen Schule im Grunde genommen auf die gleiche Zeit alle Methoden auf einmal gelernt hat? Wie soll das gehen?
Mein Chef ist mit unseren Schmieden hier gut vernetzt. Du glaubst gar nicht, wie die über die alternativen Hufbearbeiter oft schimpfen. Und ich kann es verstehen, was da manchmal von den nicht Schmieden verzapft wird und wie die Hufbeschlagsschmiede oft verteufelt werden.
Mein Chef hat dann irgendwann mal gemeint, ob sie alle zu wenig Arbeit hätten und ob sie die Pferde von den Alternativen übernehmen wollen. Sie sollen nicht schimpfen, sondern ausbilden. :nix:
Leider scheitert es auch ganz oft an den Alternativen, die einfach nicht über den Tellerrand gucken möchten, oder denen in der Ausbildung förmlich eingeimpft wurde, dass nur ihr Weg der Richtige ist und Schmiede grundsätzlich beschlagen wollen. Und Eisen eh böse sind.

Ich hatte vor Jahren mal als Versuch, ich wollte durchaus über den Tellerrand schauen, einen Orthopäden an meinem Appi. Der hat erklärt und getan und gemacht. James ist immer zu flach gestanden und war super fühlig. Ich hatte ihm gesagt, dass der stolpert, wenn die Zehe zu lang bleibt.
Hm ja, ne Woche später hab ich die Raspel gezückt und die Zehe zurück genommen, die Wände wieder auf 1 mm über Sohlenniveau geraspelt, weil mein Pferd nur noch gestolpert ist, und die Wände ausgebrochen sind.
Ich hatte ihm dann geschrieben was war usw. Da kam nur zurück, ich hätte es einfach nicht verstanden. :roll: Was gibt's da nicht zu verstehen, der Gaul lief nicht mehr.
Das Pferd meiner Freundin lief mit seiner Bearbeitung übrigens prima. Aber auch er wollte nicht lernen.
Liebe Grüße vom Veilchen

Es ist, wie es ist. :giraffe:
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Romy
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Re: Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Beitrag von Romy »

Veilchen hat geschrieben: Sa 17. Jan 2026, 18:48Wer ist denn schon ein Experte?
Das ist wirklich eine wichtige und schwierige Frage. In meinem Fall sind die beiden, mit denen ich zu tun habe, um die 60 Jahre alt, machen das seit vielen Jahren hauptberuflich und sind außerdem Ausbilder. Aber aus der Expertiseforschung ist bekannt, dass die Jahre an Erfahrung kein besonders zuverlässiger Indikator für Expertise sind. Und dann kommen noch zwei Schwierigkeiten dazu.

Erstens, wenn man es nachprüfen will, braucht man Indikatoren. In der Forschung ist das einfacher, da schaue ich mir die Veröffentlichungen an. Aber ein Hufbearbeiter hat ja wahrscheinlich meistens keine ausführliche Liste an dokumentierten Fällen, die man einsehen kann. Und wenn das Wissen dann zusätzlich nicht öffentlich gemacht wird, kann ich mir auch aus den verbalen Aussagen kein Bild machen.

Zweitens bedeutet Expertise ja noch lange nicht, dass man sein Wissen kommunizieren kann. Da sehe ich durchaus große Unterschiede. Besonders auffällig war das in einer Lokführer-Studie, die ich vor zwei Jahren gemacht habe. Da wurde uns gesagt, es sei ein großes Glück für uns, dass eine bestimmte Person teilnehmen würde, weil er unheimlich erfahren sei. Das war dann aber eines der langweiligsten Interviews überhaupt, weil er total unreflektiert war. Er hatte sein Wissen in den Händen und Füßen, aber das hat uns in diesem Studiendesign, das auf verbalen Erklärungen basierte, nicht viel genützt. Da hab ich auch über die gesamte Stichprobe hinweg keinen Zusammenhang zwischen Jahren an Berufserfahrung und messbaren Ergebnissen gefunden. Das wird dann natürlich schwierig, wenn man einen Hufexperten fragen will und auf dessen verbale Aussagen angewiesen ist anstatt auf beobachtbares Verhalten. Von daher ist es richtig toll, dass du bei deinem Schmied mitfahren kannst. Das möchte ich in den nächsten Monaten auch ganz viel machen.
Veilchen hat geschrieben: Sa 17. Jan 2026, 18:48Leider scheitert es auch ganz oft an den Alternativen, die einfach nicht über den Tellerrand gucken möchten, oder denen in der Ausbildung förmlich eingeimpft wurde, dass nur ihr Weg der Richtige ist und Schmiede grundsätzlich beschlagen wollen. Und Eisen eh böse sind.
Für meine Zwecke fände ich es gar nicht so problematisch, wenn Personen auf ihre Methode schwören und auch nur diese anwenden. Schön wäre aber, wenn dann ein Austausch und Vergleich stattfinden würde, so dass andere daraus lernen können, was relevante Unterschiede sind und in welchen Fällen die sich wie auswirken. Das kenne ich allerdings aus der Psychologie auch, dass die Leute oft nur am Austausch innerhalb der eigenen Bubble interessiert sind, anstatt an einem Austausch mit Forschern, die grundlegend anders arbeiten. Das ist auch ein Grund dafür, warum eines meiner Lieblings-Forschungsthemen Domänen- und Disziplinenvergleiche sind.
Veilchen hat geschrieben: Sa 17. Jan 2026, 18:48Ich hatte ihm gesagt, dass der stolpert, wenn die Zehe zu lang bleibt.
Hm ja, ne Woche später hab ich die Raspel gezückt und die Zehe zurück genommen, die Wände wieder auf 1 mm über Sohlenniveau geraspelt, weil mein Pferd nur noch gestolpert ist, und die Wände ausgebrochen sind.
Ich hatte ihm dann geschrieben was war usw. Da kam nur zurück, ich hätte es einfach nicht verstanden.
Nach eurem Input über die langen Zehen hab ich in den letzten Tagen versucht, Bearbeitungsvideos von Huforthopäden zu finden, um mir davon ein Bild zu machen. Viel hab ich nicht gefunden, aber ich glaube, ich weiß jetzt, was ihr meint. Ich freue mich sehr darauf, in Zukunft mehr darüber zu erfahren, warum und unter welchen Bedingungen manche Leute so arbeiten.
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tara
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Re: Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Beitrag von tara »

die Wände wieder auf 1 mm über Sohlenniveau geraspelt
Ist jetzt offtopic, aber
Dieses Prinzip habe ich nie verstanden, und es konnte mir auch niemand erklären. Der mm Tragrand hat sich doch nach spätestens 2 Tagen weggelaufen
Liebe Grüße
tara
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crinblanc
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Re: Warum habt ihr keinen Huforthopäden oder seid selbst keiner?

Beitrag von crinblanc »

mach ich auch (allerdings mess ich das nicht, ich raspel einfach paar Hiebe rundum schräg). Hat mir mein uralt-Hufschmied/Barhufler als Ausbrech-Prophylaxe beigebracht. :nix: Fakt ist, daß er mein erstes Pony nach ein paar Jahren Schenkeleisen ohne weitere Probleme auf auf barhuf umgestellt hat und daß es bei uns bis heute, 30 Jahre später echt ne Seltenheit ist, wenn mal was ausbricht.
Trotz teils harter, steiniger Böden und viel Splitt und Schotter. (Hufschuhe ziehen wir bei weitem nicht jedesmal an, zum Spazieren zb nie)

Ob es jetzt daran liegt oder ich einfach Glück mit der Hornquali hab :nix: (wobei zb der Arabermix mit furchtbar bröseligen Schlappen kam).
Was gibt's da nicht zu verstehen, der Gaul lief nicht mehr.
ziemlich genau das waren auch meine Gedanken angesichts des bunten Croissants. Ganz egal, in welcher Bubble das "so muß" und in welcher Theorie das Pferd damit klarkommt, es war deutlich zu sehen und zu merken, daß die bunte Realität das eben nicht tat :nix: .
"Zuhause" wurde der ja nur selten, und wenn, dann auf weichem Boden bewegt, da hatte das Drehen vom Abrieb her sicher weniger Konsequenzen- aber das kann ja trotzdem nicht Sinn der Übung sein?
Ganz kurz hab ich mir noch überlegt, mal nachzufragen- aber nachdem die HO schon allein für die Fahrt (verständlich, weil weit) eine stolze Summe hätte aufrufen müssen und ich, nachdem ich das vorher-nachher gesehen hab, sowieso nicht so weiter verfahren wollte, hab ich es mir geklemmt.
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