Jungpferd = Atombombe?

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Sunny77
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Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon Sunny77 » Do 9. Jan 2014, 10:41

Hallo zusammen,

ich möchte Euch gerne einmal meine Situation schildern. Ich bin derzeit sehr frustriert und mir ist nicht klar, wie ich weiter machen kann/soll.

Ich habe Enia im Sommer kennen gelernt als eine nette, ruhige und ausgeglichene 4 1/2 jährige Jungstute. Sie war bis 3 1/2 "halbwild" aufgewachsen und niemand kam so richtig mit ihr klar. Für's Füße machen oder den Tierarzt wurde sie sediert, am Halfter stieg sie und riss sich los.
Das Jahr von 3 1/2 bis 4 1/2 war sie bei 2 Leuten in Ausbildung, die sehr viel Erfolg hatten. Enia ließ sich halftern, führen, anbinden, gab Hufe und während des Sommers/Herbstes 2013 wurde sie nach der Akademischen Reitkunst schonend angeritten, zuerst mit viel Handarbeit, später mit Longieren (LK ähnlich), zuletzt auch unter dem Reiter - alles mit Kappzaum.

Ich begleitete ihre Ausbildung etwa 3 Monate lang, bis ich sie Mitte November zu uns in die Herde holte (Enia kommt aus Herdenhaltung und die Herde ist auch das, was ihr im Leben die meiste Sicherheit gibt). In dieser Zeit gingen wir spazieren, wir arbeiteten an der Hand und ich spielte ein paar mal "Passagier" auf ihrem Rücken bei der Bodenarbeit ;) Sogar bei einem Kurs mit Zelten und vielen fremden Pferden blieb sie total cool und ich dachte "Super, das ist genau das richtige Pferd für mich".

Nun ist Enia seit ihrem Umzug zu uns wirklich wie ausgewechselt.
Sie ist hyper-nervös, an konzentrierte, gymnastische Handarbeit ist nicht zu denken. Sie schlägt kurz und heftig mit dem Kopf, rempelt mich um, weicht, bleibt nicht stehen, läuft beim Führen an mir vorbei, Schulterkontrolle=0 (egal ob mit Berührung oder an der Longe).
Im Roundpen rennt sie wie eine Geisteskranke um mich herum, droht mit der Hinterhand, wenn ich irgendetwas von ihr will (an Handwechsel ist nur zu denken, wenn ich sie vorher mit Leckerli zu mir locke - in den Weg werfen und sie "anders rum schicken" wäre extrem gefährlich - sie rennt mich einfach um).

Ich befinde mich in der totalen Zwickmühle, dass ich gerne etwas Ruhe in's Pony bekäme - und sie daher einerseits nicht an's "wilde herumrennen" gewöhnen möchte, andererseits aber das Gefühl habe, dass sie im Paddock ihre aufgestaute Energie nicht los wird. Außerdem wird sie immer Respektloser - als ich sie holte, konnte ich sie die ersten 6 Wochen einwandfrei führen und sie bleibt auch neben mir stehen und senkte den Kopf. Die Phase ist offenbar vorbei.

Ich weiß, dass sie erst 8 Wochen in der neuen Herde ist und sicher noch Zeit brauchen wird, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Reithalle und Roundpen sind neu für sie, aber ab "ruhiges führen, um ihr etwas zu zeigen" ist einfach nicht zu denken. Sie regt sich sofort megamäßig auf udn reißt sich auch los.

Mit 30 Jahren Pferdeerfahrung, aber keiner JUNGpferdeerfahrung war genau das mein allergrößter Risikofaktor - aus irgendeinem Grund kann ich dem Pony nicht die Sicherheit und Klarheit geben, die sie braucht um sich an ihre gute Ausbildung und ihre "innere Mitte" zu erinnern.

Nun sind bei mir am Stall jede Menge Leute von der Sorte "lass Dir das nicht gefallen, zur Not verdrisch sie!" Ich fühle mich total schuldig, aber tatsächlich kann ich mir das eine oder andere Mal nicht anders helfen, als ihr mit der Gerte eine klare Grenze zu zeigen. Es geht einfach nicht, dass sie mich über den Haufen kachelt im vollen Stech-Trab.

Im kleinen Rahmen clickern wir auch, aber eine Bewegung durch clickern zu "festigen" haben wir noch nicht geschafft. Wir können schon ein bisschen Target Training und Höflich den Kopf senken funktioniert meistens auch ganz gut (immer wieder unterbrochen von kurzen, heftigen Kopfzappel-Aktionen). Beim Hufe geben hilft und das Clickern auch - aber am Kappzaum ruhig antreten und stehen bleiben scheint nicht zu fruchten. Ich habe ständig das Gefühl, eine geladene Atombombe an der Leine zu haben. Die einzige Situation, in der sie dieses Verhalten NICHT zeigt ist bei spaziergängen. Da ist sie nett, bleibt neben/hinter mir (aber ohne zu drängeln) und auch ruhig stehen, wenn wir uns was anschauen wollen.

Wie würdet ihr mit einem so unruhigen, unaufmerksamen Tier umgehen? Wie bringt ihr Ruhe in's Pferd? Wie erarbeitet ihr Euch Respekt, ohne Agressiv zu werden? Ich bin so langsam am Ende meines Lateins...

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Re: Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon Purgatori » Do 9. Jan 2014, 10:53

Die klare Grenze finde ich nicht verkehrt. Ich hab auch so ein über-den-Haufen-renn-Jungpferd. Ich hab "nur" 15 Jahre Pferdeerfahrung, aber hatte vorher auch noch nie so ein junges Pferd und hatte und habe auch mit einigen deiner Probleme zu kämpfen gehabt. Ich habe vorher unglaublich viel gelesen und meine bisherigen Methoden daraufhin umgestellt. Das war ein Fehler, da ich, bedingt durch meine Angst zu viel Druck auszuüben, in meinem Auftreten und meinen Kommandos undeutlich geworden bin. Mir hat sehr geholfen, dass meine SB, die wirklich super mit Pferden kann, sich ihn einmal an der Longe angeschaut hat, ihn unemotional, aber streng in seine Schranken gewiesen hat (ohne Gewalt) und ich plötzlich ein Pferd gesehen habe, das alles und noch viel mehr konnte, was man von ihm verlangt hat. Mein Fazit: deutliche Signale und durchaus auch mal die Schulter stehen lassen (bildlich gesprochen), das hat meine Führposition deutlich verbessert.

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Re: Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon Pia » Do 9. Jan 2014, 10:54

Hey, klingt ja echt nich grad nett die ganze Situation.
Und ich kann dir da auf Anhieb leider auch keinen guten Tipp geben. Denn in solch einer Lage war ich auch noch nicht :nix:
Aber, wenn du schreibst, Du hast mit Jungpferden nicht viel Erfahrung und dann macht sie auch noch solche Sachen, da kann ich mir vorstellen, dass du selbst von vornherein angespannt zu ihr gehst.?
Das merkt sie natürlich auch und als junges Pferd wird sie dadurch auch verunsichert. Hab ich bei meiner auch gemerkt, sie ist zwar schon 6, aber sie war 5 als ich anfing die zu reiten (war da aber schon angeritten) und ich hab in vielen Situationen gemerkt, wo ich unsicher war, dass die auch unsicher war.

Vielleicht solltet ihr einfach.nochmal ne Pause machen und nur spazieren gehen, wenn das am besten klappt??
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Und ohne Liebe kann man kein Kunstwerk schaffen.
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Re: Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon ehem User » Do 9. Jan 2014, 11:08

Mir gefällt offen gesagt schon der Titel Deines Themas nicht. Kein Pferd ist eine "Atombombe", schon garnicht von sich aus, und eine solche Betrachtungsweise, auch wenn Du das jetzt nur mal so salopp dahingesagt formuliert hast, sagt schon einiges aus, finde ich.

Ganz offensichtlich hat sich für das Pferd etwas in seiner Umgebung ganz erheblich verändert, was ihm die Sicherheit und die Grenzen nimmt, die es braucht um sich sicher zu fühlen und die erlernten korrekten Verhaltensweisen gegenüber Menschen abzurufen.
Ich finde es immer problematisch, wenn Trainer/innen Pferde "erziehen" ohne die (künftigen) Besis mit einzubeziehen, Pferde lernen nämlich kontextbezogen auf ihre Umgebung, auf die Situation und auf die Menschen mit denen sie umgehen.
Du schreibst, dass Du drei Monate lang die "Ausbildung" des Pferdes begleitet hast. Wie sah denn diese Begleiting aus? Hattest Du dabei viel aktiven Anteil? Hattet ihr nach diesen 3 Monaten wirklich eine stabile, von den Ausbildern unabhängige Beziehung? Und was machst Du jetzt anders als in den 3 Monaten?

Enia spiegelt nur wieder, was sich für sie in ihrer Umgebung und im Umgang mit ihr verändert hat. Schau nicht auf das Pferd, sondern auf seine Umgebung und die Menschen, die es händeln, schau auf Dich selbst, da wirst Du eher eine Lösung finden, was das Pferd zurc "Atombombe" gemacht hat und wie es "entschärft werden kann.

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Re: Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon kolyma » Do 9. Jan 2014, 11:13

Hast du denn einen versierten und erfahrenen Ausbilder zur Hand?
Ich würde mal vermuten, dass sie in der Ausbildungszeit im vorherigen Stall eine sehr, sehr klare Linie hatte. Dort wurde sie angeleitet und hatte einen Weg. Sie kanne dort schon ihren Job und wusste was geht und was nicht.
Jetzt ist alles anders und die Grenzen werden neu definiert und gesteckt. Und offenbar ist sie auchnoch ein Pferd, welches sich sehr schnell verunsichern lässt in neuen Situationen und wenn sie ihren "Job" nicht kennt.
Daher würde ich mir an deiner Stelle schnell einen Jungpferderfahrenen Trainer holen und mit ihm ein "Programm" entwickeln, wie ihr die nächsten Wochen klar und stukturiert arbeiten könnt, so dass du ihr die nötige Sicherheit und einen Rahmen bieten kann, in dem sie sich sicher und aufgehoben fühlt.

Mein Jungspund ist zwar schon sieben, aber ein enormer Spätentwickler. Wir haben ihn erst seit einem dreiviertel Jahr in Ausbildung. Und auch er braucht einen klaren Job. Und je besser er bestimmte Aufgaben erfüllen kann, desto zufriedener und ruhiger und ausgeglichener ist er. Anfangs habe ich geschaut, was für uns passen könnte und viel experimentiert. Das ging gründlich in die Hose. Ich habe dann nur noch die Dinge gemacht, die meine RL mir gezeigt hat und seit dem ging es bergauf. Er fragt nicht mehr so viel an und ist einfach motivierter und williger. Wir machen Doppellonge, reiten und gehen viel spazieren. Clickern tun wir auch - aber nicht vordergründig. Vordergründig versuche ich ihm zu vermitteln, dass wir eine gewisse Routine haben auf die er sich verlassen kann - dass ich ihm Sicherheit vermittel und dass der Tag morgen in etwa so läuft wie der heutige.

Ich hoffe das hilft dir weiter...
Bild Geduld ist die hohe Kunst sehr langsam wütend zu werden...:ohm2: :sofort:


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Re: Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon Maxima » Do 9. Jan 2014, 11:30

Hallo Sunny,

ich hab mich schon lange zurückgehalten was zu schreiben, aber da Du nun doch um Hilfe rufst....

Die Sache mit den klaren Grenzen wie oben schon genannt ist denke ich ein großer Baustein bei der Sache, gerade das kann man aber natürlich so von der Ferne ganz schlecht beurteilen. Dazu müßte man Dich und Dein Auftreten gegenüber dem Pferd mal sehen. Aber es kommt einem schon der Gedanke daß Du dem Pferd gegenüber zu vorsichtig/unsicher auftrittst. Das kann man aber lernen.

Was mir aber noch extrem aufgefallen war - Du hast dem Pferd NULL Zeit gelassen, überhaupt mal im neuen Stall anzukommen. Gleich am zweiten Tag gings mit Unterricht und allen möglichen Unternehmungen los. Ich hatte da bei Deinen Beschreibungen im Tagebuch schon jeden Tag den ganz starken Eindruck daß das Pferd total überfordert und überfallen wurde. So ein Stall- und Herdenwechsel ist ein ganz gravierender Einschnitt für ein Pferd, das braucht seine Zeit.
Vielleicht braucht die Kleine erst nochmal 3-4 Monate komplette Ruhe in ihrer neuen Herde...

Und noch ein Punkt der mir krass aufgefallen ist: ihr gesundheitlicher Zustand. Du schreibst daß im Stall Silage/Heulage gefüttert wird und daß sie postwendend kurz nach Ankuft Hufrehe bekommen hat. Das sind ganz, ganz schlimme Alarmzeichen!!!! Ich vermute mal stark daß sie eine schleichende Dauerrehe hat und somit auch permanent Schmerzen solange diese ihr offenbar nicht zuträgliche Fütterung, Hufsituation und Übergewicht (?) anhält.
Hier solltest Du noch ganz intensiv ansetzen, ihren Gesundheitszustand sehr, sehr gründlich abklären (Insulinresistenz??) und dann auch konsequent die nötigen Konsequenzen ziehen, bis hin zu einem Stallwechsel wenn im jetzigen Stall die Fütterung und Haltung nicht angemessen zu organisieren sind.

Sorry für die harten Worte, aber ich glaube mit Deiner Maus ist grade so ziemlich alles schiefgelaufen was nur schieflaufen kann.
Liebe Grüße
Ulla

Wir werden in Ewigkeiten nicht mehr gut machen können, was wir den Tieren angetan haben. (Mark Twain)

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Re: Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon Scheckenfan » Do 9. Jan 2014, 11:40

Das Verhalten ging los, als sie in den neuen Stall kam? Da würd ich dringend mal auf Ursachenforschung gehen, was so anders ist, dass dieses Verhalten jetzt kommt. Futter/Auslauf/Spielkameraden? Ist sie in der Rangordnung nun höher als beim vorherigen Stall, oder versucht sie gerade höher zu kommen?
Wenn man da rausfindet, was der Faktor ist, kann man besser Maßnahmen finden.

Ansonsten würd ich bei respektlosem Verhalten ganz genau darauf achten, wo dieses Verhalten anfängt. Die RB von meinem Freund ist gerade auch so ein Fall (wenn ich mal kurz ausschweifen darf :shy: ):
Der war in einem schlechten Ernährungszustand, als er von seiner Besi gekauft wurde, hatte kaum Muskeln und war recht schlapp. Da war er ULTRA brav, vermutlich war er auch psychisch bissl fertig, er musste früh viel leisten.
Nun ist er 1 Jahr bei der neuen Besi, in nem guten Futterzustand, hat über Bodenarbeit richtig gut Muskeln aufgebaut und übers Clickern Selbstvertrauen gewonnen.
In der Herde arbeitet er sich immer weiter hoch in der Rangfolge und ist teils recht rabiat dabei.
Na, und „plötzlich“ ist er eben auch bei Menschen unhöflich und rüpelig, rempelt, beißt, lässt sich schlecht führen, überholt,… Er ist dabei sehr schlau und testet seine Grenzen genau.
Bei ihm fängt z.B. beißen damit an, dass er ganz zart an der Kleidung rumspielt. Oder, wenn er das nicht darf, tut er so, als würde er an der Jacke knabbern wollen (in der Luft). Danach folgt gaaanz leichtes Hapsen, das immer stärker wird, bis er dann irgendwann zulangt.
Die ersten kleinen Anwandlungen kann man sehr schnell und problemlos unterbinden, mit ganz feinen Hilfen. Aber wehe, man übersieht sie und/order reagiert nicht darauf. Dann muss man sehr deutlich werden und das ganze wird schnell doof für beide Seiten.
Ebenso beim Führen – erst lässt er seine Aufmerksamkeit abschweifen und dreht den Kopf bissl weg, dann ist der Boden interessanter als der Mensch und schwupps ist er vor einem und muss deutlichst einkorrigiert werden. Wenn man hingegen gleich die Aufmerksamkeit immer wieder einfordert (leichtes Zupfen reicht) kommt man erst gar nicht dazu, dass er überholt.

Voraussetzung ist aber äußerste Konzentration und Aufmerksamkeit aufs Pferd, und absolut konsequentes Unterbinden von allen Aktionen, die zu unerwünschtem Verhalten führen können.



EDIT: Sehe gerade den Post von maxima: Wenn die Fütterung nicht stimmt, lieber das zuerst ändern. Gerade bei Rehe würde ich SOFORT Fütterung und ggf. auch Haltung ändern, das sind mit die schlimmsten Schmerzen, die ein Pferd haben kann!
Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst in dieser Welt.
- Mahatma Ghandi

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Sunny77
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Re: Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon Sunny77 » Do 9. Jan 2014, 12:38

Hallo zusammen,

Erst mal DANKE für die vielen Ansichten, Ideen und Anregungen!
Ich werde mal versuchen auf die wichtigsten Punkte ein zu gehen:
Purgatori hat geschrieben:Mein Fazit: deutliche Signale und durchaus auch mal die Schulter stehen lassen (bildlich gesprochen), das hat meine Führposition deutlich verbessert.
Pia hat geschrieben:Aber, wenn du schreibst, Du hast mit Jungpferden nicht viel Erfahrung und dann macht sie auch noch solche Sachen, da kann ich mir vorstellen, dass du selbst von vornherein angespannt zu ihr gehst.?
Das merkt sie natürlich auch und als junges Pferd wird sie dadurch auch verunsichert.
Ja, ihr habt natürlich beide Recht. Durch die Erfahrungen der letzten Wochen bin ich stark verunsichert und ganz sicher nich tklar in meinen Signalen. Ich hatte die Hoffnung, dass durch Unterricht genau in diesem Bereich (Handarbeit/Bodenarbeit, Körpersprache) GEMEINSAM mit Enia wir schon eine gemeinsame Basis hatten. Scheinbar ist diese Basis durch den Umzug vollkommen verloren gegangen.
Piebald hat geschrieben:Mir gefällt offen gesagt schon der Titel Deines Themas nicht. Kein Pferd ist eine "Atombombe", schon garnicht von sich aus, und eine solche Betrachtungsweise, auch wenn Du das jetzt nur mal so salopp dahingesagt formuliert hast, sagt schon einiges aus, finde ich.
Piebald, ich habe den Titel absichtlich provokativ gewehrt - denn so fühle ich mich mit Enia. Als hätte ich eine Atombombe an der Leine, die jederzeit hochgehen könnte.
Piebald hat geschrieben:Ich finde es immer problematisch, wenn Trainer/innen Pferde "erziehen" ohne die (künftigen) Besis mit einzubeziehen, Pferde lernen nämlich kontextbezogen auf ihre Umgebung, auf die Situation und auf die Menschen mit denen sie umgehen.
Du schreibst, dass Du drei Monate lang die "Ausbildung" des Pferdes begleitet hast. Wie sah denn diese Begleiting aus? Hattest Du dabei viel aktiven Anteil? Hattet ihr nach diesen 3 Monaten wirklich eine stabile, von den Ausbildern unabhängige Beziehung? Und was machst Du jetzt anders als in den 3 Monaten?
kolyma hat geschrieben:Hast du denn einen versierten und erfahrenen Ausbilder zur Hand?
Ich würde mal vermuten, dass sie in der Ausbildungszeit im vorherigen Stall eine sehr, sehr klare Linie hatte. Dort wurde sie angeleitet und hatte einen Weg. Sie kanne dort schon ihren Job und wusste was geht und was nicht.
Jetzt ist alles anders und die Grenzen werden neu definiert und gesteckt. Und offenbar ist sie auchnoch ein Pferd, welches sich sehr schnell verunsichern lässt in neuen Situationen und wenn sie ihren "Job" nicht kennt.
Daher würde ich mir an deiner Stelle schnell einen Jungpferderfahrenen Trainer holen und mit ihm ein "Programm" entwickeln, wie ihr die nächsten Wochen klar und stukturiert arbeiten könnt, so dass du ihr die nötige Sicherheit und einen Rahmen bieten kann, in dem sie sich sicher und aufgehoben fühlt.
Da Enia gute 200km weit weg war, hatte ich natürlich nicht "stets" und "ständig" Anteil an ihrer Ausbildung. Alle 14 Tage zwei bis drei Stunden - aber dann auch aktiv. Natürlich fehlt Enia die tägliche Begleitung durch ihre bisherige Bezugsperson, die ja jetzt komplett weg ist. Ich habe seit Enias Umzug mehr oder weniger regelmäßig Unterricht/Begleitung durch eine Jungpferdeerfahrene Ausbilderin, aber erstens hat sie nicht so viele freie Stunden Abends oder am Wochenende (es läuft ja regulärer Reitunterricht/Ausritte) und andererseits habe ich eher das Gefühl, dass sie NOCH mehr von Enia erwartet. Die einhellige Meinung der Reitlehrerin und der anderen Einsteller ist "Du solltest sie mehr auslasten und Dir nicht so auf der Nase herum tanzen lassen!" - Besonders die Reitlehrerin sagte mir, Enia müsse unbedingt schnell unter den Sattel, damit man sie ausreichend bewegen kann.
Ich würde mir aber wünschen, sie genau damit noch nicht zusätzlich zu belasten!
Maxima hat geschrieben:Was mir aber noch extrem aufgefallen war - Du hast dem Pferd NULL Zeit gelassen, überhaupt mal im neuen Stall anzukommen. Gleich am zweiten Tag gings mit Unterricht und allen möglichen Unternehmungen los. Ich hatte da bei Deinen Beschreibungen im Tagebuch schon jeden Tag den ganz starken Eindruck daß das Pferd total überfordert und überfallen wurde. So ein Stall- und Herdenwechsel ist ein ganz gravierender Einschnitt für ein Pferd, das braucht seine Zeit.
Vielleicht braucht die Kleine erst nochmal 3-4 Monate komplette Ruhe in ihrer neuen Herde...
Maxima, ich gebe Dir Recht. Ich habe ganz sicher zu schnell erwartet, dass ich "etwas mit ihr machen kann". Ich habe nur wenige Wochen vorher einen völlig rohen, 6 jähriger Wallach in unseren Offenstall ziehen sehen. Man konnte ihn vom ersten Tag an hausholen, putzen, Bodenarbeit und Longieren und nach nur 3 Wochen auch reiten.
Ich habe erwartet, und erwarte ehrlichgesagt immer noch, dass sie sich an eine gewisse "Grunderziehung" erinnert. Ich hatte auch die Hoffnung, dass das Abrufen bekannter Aufgaben/Lektionen an der Hand ihre Konzentration fordern und fördern würde. Leider hat sich das so nicht bestätigt. :( Ich verlange derzeit wirklich nicht viel von ihr. Halftern, putzen, angebunden stehen, führen. Aber selbst dabei benimmt sie sich, als wüßte sie nicht wohin mit ihrer Energie.
Maxima hat geschrieben:Und noch ein Punkt der mir krass aufgefallen ist: ihr gesundheitlicher Zustand. Du schreibst daß im Stall Silage/Heulage gefüttert wird und daß sie postwendend kurz nach Ankuft Hufrehe bekommen hat. Das sind ganz, ganz schlimme Alarmzeichen!!!! Ich vermute mal stark daß sie eine schleichende Dauerrehe hat und somit auch permanent Schmerzen solange diese ihr offenbar nicht zuträgliche Fütterung, Hufsituation und Übergewicht (?) anhält.
Hier solltest Du noch ganz intensiv ansetzen, ihren Gesundheitszustand sehr, sehr gründlich abklären (Insulinresistenz??) und dann auch konsequent die nötigen Konsequenzen ziehen, bis hin zu einem Stallwechsel wenn im jetzigen Stall die Fütterung und Haltung nicht angemessen zu organisieren sind.
Gemäß Tierarzt und sehr Hufrehe-erfahrener Hufbearbeiterin war's "nur" eine Huflederhautenzündung, ausgelöst durch das extreme Ablaufen der Füße auf dem ungewohnt harten Paddock. Ich habe auch schon früher viel darüber nachgelesen und keine "vollausgewachsene" Rehe der Welt ist mit 5 Tagen Metacam symptomfrei. Daher gehe ich davon aus, dass es tatsächlich erst einmal ein Warnschuss vor den Bug war.
Das Übergewicht haben wir sehr gut abgebaut, ich habe immer, wenn sie einzeln stand, Heu zugefüttert, damit die Futterumstellung nicht den Organismus zu sehr zusätzlich belastet. Ich füttere außerdem ständig Kräuter zu (Weidenrinde, Mädesüß, Ostpreußen-Mischung von pernaturam für die Darmflora) und habe auch sonst nicht das Gefühl, dass sie derzeit noch Probleme hat. Zudem war inzwischen mehrfach der TA da und hat keine Bedenken mehr in diese Richtung geäußert... Ich gehe also erst mal davon aus, dass wir jetzt in ruhigeres Fahrwasser kommen, was ihre Füße angeht.

Alles in Allem würde ich mir für die nächsten Tage/Wochen folgendes vornehmen:
1. keine zu hohen Ansprüche an's Pony! Gib ihr noch viel mehr Zeit "anzukommen"!
2. beobachte weiter kritisch ihren Gesundheitszustand und die Füße! Reagiere sofort, wenn da etwas auffällt.

Aber: Kann "nichts mit ihr machen" eine Lösung sein? Ich muss doch wenigstens halftern, putzen, führen, anbinden und Hufe geben weiter machen. Sollte ich jedliche "Arbeit" mit ihr die nächsten Wochen meiden? Sie ihre Energie selbst im Paddock ausleben lassen?
Im Roundpen "abspacken" lassen scheint die Situation ja nicht zu verbessern. Und konzentriert arbeiten geht mit dem "Atombömbchen" an der Hand auch nicht - und ist vielleicht tatsächlich gerade noch zuviel verlangt.

Es ist schon schwierig, sich mit der eigenen Erwartungshaltung und den Einflüssen von Außen nicht mitreißen zu lassen :wall:

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Re: Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon Maxima » Do 9. Jan 2014, 13:02

Es ist schon schwierig, sich mit der eigenen Erwartungshaltung und den Einflüssen von Außen nicht mitreißen zu lassen
Das glaub ich Dir und ich kann mir vorstellen daß da auch im Stall ein ständiger unterschwelliger Druck da ist der Dich zusätzlich noch sehr belastet.
Leider sind halt auch nicht alle Pferde gleich und Du hast ein ganz besonders kritisches Exemplar erwischt. Das wird jetzt vielleicht ein langer Tanz auf Messers Schneide, sich immer nur bis an ihre eigene Komfortgrenze ranzutasten und diese dabei jedes Mal nur ein winziges bißchen zu erweitern.

Das was sie bisher in ihrer Ausbildung gelernt hat, wird sie nicht vergessen, da brauchst Du keine Bedenken haben. Wichtig wirds jetzt mal sie aus der Lage rauszubringen daß sie sich permanent zu Protest/Abwehr genötigt fühlt - denn ich denke das ist es, sie ist sicher kein "böses" Pferd, aber irgendwas ist in ihr quergelaufen. Ich würd jetzt wirklich mal nur das machen was richtig gut geht und gucken daß jedes Mal ein klitzekleiner Fortschritt dabei ist. So hat sie auch wieder positive Erfahrungen und kommst aus dem Teufelskreis des Protests raus.

Und bleib sehr eng am Thema Futter/Hufe dran - viele Tierärzte und Schmiede haben immer noch einen eher mittelalterlichen Wissensstand um Fütterung/Rehe/Stoffwechsel etc. Aber da bist Du ja offenbar schon selber gut dabei Dich zu informieren - bleib einfach immer kritisch den Aussagen Deiner Experten vor Ort gegenüber.
Liebe Grüße
Ulla

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Re: Jungpferd = Atombombe?

Beitragvon kolyma » Do 9. Jan 2014, 13:49

Auslastung ist natürlich ein Punkt, wo ich deine RL schon irgendwo verstehen kann. Aber das ist halt auch so ne Gratwanderung.
Mein Pferd bewegt sich von selbst nicht wirklich viel. Als Kaltblüter hat er nicht so den Bewegungsdrang ohne Motivation dazu. Aber wenn er sich nicht bewegt ist er unausgelastet. Also ist mein Job auch ihn körperlich zu bewegen. Da er selbst auf der Koppel eher der ruhige Typ ist, muss ich natürlich dem Rechnung tragen, dass ich ihm einiges an Muskel hintrainiert habe. Platzarbeit kann ich nicht so viel machen, da das von der Konzentration her oft noch zu viel ist. Das heißt - sein Kopf ist bereits im Feierabend, während er körperlich noch mehr Bewegung bräuchte.
Das heißt für mich: Viel ausreiten, meist auch mehr als nur die einstündige Runde sondern dann dürfen es gerne auch mal zwei sein. Nicht geheize sondern stetiges, ruhiges laufen mit kurzen Trab und Galopprepriesen - je nach dem.

Das Problem bei dir wird sein, dass du eher momentan nicht raus ins Gelände mit ihr kannst. Aber für ein Jungpferd ist das das A und O. Denn dort nehmen sie geistig viel auf und können laufen. Das lastet sie vollkommen aus.
Hast du denn die Möglichkeit sie jemanden als Handpferd mit zu geben, voraus gesetzt, dass ihr am Führen arbeitet?
Oder das du dich auch mal drauf setzt und ein zweiter Reiter sie noch am Strick hat?

Und natürlich muss das Pferd erst gesundheitlich fit sein - das ist ja sowieso klar.
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